Monday, 20th May 2019
20 Mai 2019

Neapels Ancelotti gefasst: Klopps Liverpooler arbeiten am Mythos

Der Trainer und sein Torgarant: Jürgen Klopp und Mohamed Salah.

Von Hendrik Buchheister, Liverpool


Carlo Ancelottis SSC Neapel verabschiedet sich nach größeren und kleineren Gemeinheiten aus der Champions League. Der Trainer aber ist stolz. Bei Jürgen Klopps FC Liverpool ist die Lage nach erneuter Befreiung geprägt von Zuversicht.

Carlo Ancelotti hatte die Hände in den Taschen seines Sakkos verborgen und die Unterlippe nach vorne geschoben, als er mit gesenktem Blick im Mediensaal der Anfield Road erschien. Er sprach mit ruhiger Stimme und wirkte erstaunlich gefasst angesichts der größeren und kleineren Gemeinheiten, die seinem SSC Neapel im abschließenden Vorrundenspiel der Champions League beim FC Liverpool widerfahren waren. "Wir haben Charakter gezeigt und können uns nichts vorwerfen. Die Spieler haben ihre Sache unglaublich gemacht", sagte der Trainer nach dem 0:1 durch den Treffer von Mohamed Salah nach einer guten halben Stunde.

"Wir haben gezeigt, dass wir mit jedem Gegner mithalten können": Carlo Ancelotti.

Es war Neapels erste und einzige Niederlage in dem Wettbewerb, trotzdem ist der Klub ausgeschieden, während Jürgen Klopps Fußballer alle drei Auswärtsspiele in dieser Gruppe C verloren und dennoch ins Achtelfinale einzogen. "Wir waren dem Weiterkommen sehr nahe, leider hat es nicht gereicht", stellte Ancelotti fest. Dabei dachte er vermutlich auch an die zweite Minute der Nachspielzeit, in der sein Angreifer Arkadiusz Milik die Chance zum Ausgleich hatte, der zum Verbleib in der Champions League gereicht hätte. Doch Liverpools brasilianischer Nationaltorwart Alisson parierte mit einem Reflex, der in den reichen Schatz der Mythen und Legenden des englischen Klubs eingehen dürfte.

Dann war da noch der rüde Einsatz von Virgil Van Dijk gegen Neapels Mittelstürmer Dries Mertens nach einer knappen Viertelstunde, den Schiedsrichter Damir Skomina nur mit einer Gelben Karte ahndete, obwohl akute Verletzungsgefahr bestanden hatte. "Ich habe die Szene noch einmal gesehen. Ich denke, es war Rot", sagte Ancelotti, machte aber immer noch keine Anstalten, aus der Haut zu fahren oder ein Klagelied anzustimmen. Seiner Meinung nach hat sich seine Mannschaft gut verkauft in einer schweren Gruppe mit Liverpool, Paris Saint-Germain und Roter Stern Belgrad. Nur das zählte für ihn. "Wir haben gezeigt, dass wir mit jedem Gegner mithalten können. Jetzt versuchen wir, in einem anderen Wettbewerb so weit wie möglich zu kommen", sagte er. Gemeint war damit die Europa League.

"Dann hätte ich das Doppelte bezahlt"

Der gefasste Auftritt des ehemaligen Bayern-Trainers hatte etwas angenehm Unaufgeregtes an einem turbulenten Abend. Die Anfield Road hat gebebt für eine dieser Partien mit Alles-oder-Nichts-Charakter. Liverpool musste unbedingt gewinnen, andernfalls wäre für den Finalisten der Vorsaison Schluss gewesen. Mit dem denkbar knappsten Sieg zeigte der Klub wieder einmal, dass er ein spezielles Talent dafür hat, sich aus misslichen Lagen zu befreien. Erinnert sei an das Endspiel der Champions League 2005 gegen den AC Mailand mit Trainer Ancelotti, das die Liverpooler bei einem 0:3-Rückstand noch im Elfmeterschießen gewannen.

Ganz so denkwürdig war der Erfolg gegen Neapel nicht, trotzdem hatte Trainer Klopp Probleme, seine Gedanken zu ordnen. "Das Spiel war großartig, außergewöhnlich, einfach unglaublich", schnaufte er, als hätte er gerade eine Achterbahn-Fahrt mit doppeltem Looping, Schrauben und freiem Fall hinter sich gebracht. Die Vorrunde war holprig für seine Mannschaft, doch sie ist wieder auf Kurs. Auch im heimischen Betrieb ist die Lage positiv. Liverpool hat den besten Liga-Start der Vereinsgeschichte hingelegt, ist nach 16 Spielen noch ungeschlagen und hat am vergangenen Wochenende die Tabellenführung in der Premier League übernommen. Der Traum von der ersten Meisterschaft seit 1990 nimmt Formen an. Zum Jahreswechsel ist die Stimmung an der Anfield Road geprägt von Euphorie und Zuversicht.

Einer der Verantwortlichen dafür ist Torwart Alisson. Er kam im Sommer für angeblich mehr als 70 Millionen vom AS Rom und ersetzte den unglücklichen Loris Karius. Mit seiner Rettungstat in der Nachspielzeit gegen Neapel zeigte er, dass das Geld gut angelegt ist. "Wenn ich gewusst hätte, dass er so gut ist, hätte ich das Doppelte bezahlt", sagte Klopp. Auch Salah, der Torjäger der abgelaufenen Spielzeit, kommt immer besser in Schwung. Am Wochenende traf er beim 4:0-Erfolg in Bournemouth gleich dreimal. Gegen Neapel brachte er die Mannschaft mit seinem Tor ins Achtelfinale. 2019 könnte tatsächlich ein spezielles Jahr werden für den FC Liverpool.

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