Sunday, 21st July 2019
21 Juli 2019

Atemlos durch das Nass

Die anhaltende Wärme bringt auch viele Fischarten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Ein Gewässerökologe erklärt die Gründe – und wie den Tieren geholfen werden kann.

Geschlauchter Taucher: Kaulbarsche der Gattung Gymnocephalus brauchen sauerstoffreiches Wasser, das in diesem Sommer immer knapper…

Wenn See- oder Havelwasser schon einen 37 Grad warmem Menschen nicht mehr abkühlt, wie muss es dann erst den eher an niedrigere Temperaturen gewöhnten Fischen gehen? Tatsächlich leiden viele Arten unter den derzeitigen Bedingungen. Der Fischereiökologe Christian Wolter erforscht unter anderem Faktoren, die die Strukturen von Fischgemeinschaften in großen Flüssen und Wasserstraßen bedingen. Wolter setzt sich zudem, basierend auf eigenen Forschungsergebnissen und solchen von Kollegen, für die „Revitalisierung“ von Fließgewässern ein. Solche Maßnahmen – von schattenspendender Uferbepflanzung über die Entfernung von Staustufen bis hin zum Anlegen von Kiesbänken – können, sagt Wolter im Interview, auch dabei helfen, Fische bei langanhaltender Hitze zu schützen.

Herr Wolter, wie warm ist es derzeit in Binnengewässern in und um Berlin?

Etwa im Müggelsee und der Oder waren es bis vor Kurzem mehr als 28 Grad. Das sind ungewöhnlich hohe Werte.

Was hat Fische in diesen Wochen belastet, die Hitze selbst?


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Nein, es ist vor allem der geringere Sauerstoffgehalt des Wassers. Mit zunehmender Temperatur sinkt dessen Sauerstoffbindevermögen. Besonders dramatisch wird es, wenn der Regen dann in Form heftiger Gewitter kommt und relativ viel Regen in kurzer Zeit fällt, was dann große Mengen organischen Materials von den Straßen, Oberflächen oder auch aus den Mischwasserüberläufen der Kanalisation in die Gewässer spült. Dort wird es dann rasant von Sauerstoff verbrauchenden Bakterien umgesetzt, und das führt zum schnellen Absinken des Sauerstoffgehalts und zu Fischsterben.

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Mit welchen Strategien reagieren die Fische darauf?

Weniger Bewegung, Aufsuchen von Temperaturrefugien, also etwa Regionen im See, wo Grundwasser einströmt. Weniger zu fressen ist auch eine Strategie.

Welche Arten – oder Fischgruppen – sind besonders gefährdet?

Das sind vor allem lachsartige Fische, also etwa Forellen, aber auch die Quappe und einige Barschartige wie etwa der Kaulbarsch. Die bevorzugen kühleres Wasser mit höheren Sauerstoffgehalten. Sie sind an warmes, sauerstoffarmes Wasser ganz schlecht angepasst.

In welchen Gewässern ist die Situation derzeit besonders problematisch, und warum?

Das sind vor allem staugeregelte und deshalb oft praktisch stehende Fließgewässer und nährstoffreiche Kleingewässer und Flachseen. Hier gibt es keinen mechanischen Eintrag von Sauerstoff durch Strömung und Turbulenzen und oft auch nur oberflächennahe Sauerstoffproduktion durch Photosynthese der Algen. Bei hohen Biomassen veratmen nachts Fische, Kleintiere und auch Pflanzen den vorhandenen Sauerstoff, so dass am frühen Morgen der Sauerstoffgehalt gegen Null gehen kann. Dagegen erfolgt in strömenden Gewässern auch nachts ein geringer mechanischer Sauerstoffeintrag.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungtieren und älteren Tieren?

Das nimmt sich wenig. Jungfische tolerieren höhere Temperaturen, sind aber oft empfindlicher gegenüber geringen Sauerstoffgehalten.

Gibt es Fischarten, die von der Hitze profitieren?

Ja, viele der karpfenartigen Fische, also etwa Karpfen, Schleie, Karausche, Hasel oder Bleie, aber auch Wels und Aal haben Vorzugstemperaturen die bis an die 30 Grad Celsius reichen und tolerieren Temperaturen bis 35Grad.

Wirken sich Wetter und Hitze auf den Geschmack von Fischfleisch aus?

Gefangene Fische verderben schlicht schneller. Ansonsten ist aber insbesondere die Wasserqualität des Herkunftsgewässers entscheidend. Wärmeliebende Arten fressen jetzt auch aktiv, was sich negativ auf den Geschmack auswirken kann. Zum Beispiel bei Karpfen wird dann ein Stoff namens Geosmin angereichert, der schmeckt moderig.

Kann man als einzelner Bürger irgendwie helfen?

Eher als Bevölkerung, die aktiv und wissenschaftlich informiert Einfluss auf politische, planerische Entscheidungen nimmt. Wirklich nachhaltige Maßnahmen wie Revitalisierung der Fließgewässerdynamik wäre wichtig. Dazu gehört, dass die Strömung nicht durch Staustufen komplett gestoppt wird, dazu gehört eine Renaturierung mit Sand- und Kiesbänken und Totholz im Wasser. Auch das Bepflanzen von Uferrandstreifen zur Beschattung des Gewässers ist ja dem einzelnen Bürger nicht gestattet, wäre aber fast überall sinnvoll. Stegbesitzer und -betreiber können aber folgendes tun: Die sprudelnden, sogenannten Blasensperren, die sie im Winter zur Eisabwehr nutzen, auch jetzt in Betrieb nehmen und so lokal Luftsauerstoff einbringen.

Hilft eine planschende Menschenmasse, Sauerstoff in einen See zu bekommen?

Theoretisch ja. Um messbare Erfolge zu erzielen müssten allerdings sehr viele Leute sehr ausdauernd planschen. Die dadurch hervorgerufene Beunruhigung der Fische führt dann aber eher zu zusätzlichem Stress und Sterblichkeit.

Sind großtechnische Maßnahmen möglich?

Ja, der Berliner Senat etwa betreibt ein Belüftungsschiff, das auf den innerstädtischen Kanälen unterwegs ist. Ebenso wirken stationäre Blasensperren, zum Beispiel an Kraftwerken. Ebenso könnte Wasser versprudelt werden. Dafür benötigt man keine zusätzliche Wasserversorgung, sondern nur eine möglichst leistungsfähige Tauchpumpe und einen Stromanschluss. Das Wasser würde aus dem Gewässer gepumpt und mittels Schlauch in hohem Bogen verregnet werden. So wird recht wirkungsvoll Sauerstoff mechanisch eingetragen. Natürlich sind auch alle Formen mechanischer Belüfter denkbar, aber die besitzt außerhalb von Teichwirtschaften kaum jemand.

Was kann man am Gartenteich machen? Abschatten, Sprudeln, Abfangen und ins Kühle holen oder dergleichen?

Pumpe und Schlauch sind auch hier probate Mittel. Je nach Größe kann es aber auch reichen, den Rasensprenger so zu stellen, dass der Teich mit bedacht wird, etwa über Nacht. Oder man kann sich eine etwas größere Belüftungspumpe aus dem Aquarienhandel besorgen.

Notieren Sie nach solchen Sommern Verschiebungen in der Artenzusammensetzung in Gewässern?

Eher nicht. Lokal kommt es schon mal zum sogenannten „Aussticken“ von Gewässern, also zum sichtbaren Fischsterben infolge akuten Sauerstoffmangels. Aber die lokale Fischfauna ist gut an solche Verhältnisse angepasst. Wärmeliebende, nicht einheimische Arten werden in der Regel durch die kalten Wintertemperaturen limitiert.

Welche sonstigen Auswirkungen auf Fische und Fischwirtschaft wird dieser Sommer möglicherweise haben?

Man könnte naiv sogar hoffen, dass es positive sein werden: dass etwa Revitalisierungsmaßnahmen beschleunigt und natürliche Gewässerdynamiken wiederhergestellt und dass Nährstoff- und Feinsedimenteinträge aus der Landwirtschaft endlich wirkungsvoll reduziert werden. Beides würde die natürliche Widerstandskraft der aquatischen Lebensgemeinschaften fördern und deren Überleben nachhaltig sichern. Leider ist aber genau das Gegenteil zu erwarten: mehr Staustufen und mehr Wasserrückhalt, um selbstgemachten Dürren zu begegnen. Das nun würde aber die Situation bei jeder weiteren Hitzeperiode eher noch verschärfen. Für die Fischereiwirtschaft bedeuten anhaltende Niedrigwasserphasen mit hohen Temperaturen auch Verdienstausfälle, weil sie viele Fanggeräte nicht einsetzen können. Auch Angler können um die Früchte ihrer Hegebemühungen etwa durch Besatz mit Jungfischen gebracht werden, wenn ein Gewässer ausstickt.

Christian Wolter leitet am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin-Friedrichshagen die…

Und wo geht ein Fischexperte wie Sie unter den derzeitigen Bedingungen selbst noch gerne schwimmen?

In der Müggelspree oder in der Oder.

Die Fragen stellte Richard Friebe.

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