Thursday, 20th June 2019
20 Juni 2019

Bayer/Monsanto: Wie lange geht das noch gut?

Nächster Nackenschlag für Bayer: Erneut wurde der Konzern in einem Glyphosat-Fall zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt. Das Unternehmen muss dringend handeln, meint Henrik Böhme.

Man muss ja nur mal den Taschenrechner in die Hand nehmen: Angenommen, jeder Kläger der noch ausstehenden Glyphosat-Anklagen in den USA – also 13.400 an der Zahl – bekäme den gleichen Schadenersatz zugesprochen wie das an Krebs erkrankte Paar Alva und Alberta Pilliod (Artikelbild, mit ihren Anwälten) – nämlich jeweils umgerechnet 900 Millionen Euro. Dann käme man unterm Strich auf die unfassbare Summe von 12 Billionen Euro. Und ganz schnell wird klar: Das kann der Bayer-Konzern nie im Leben bezahlen. Es wäre das Ende des Unternehmens, das Ende nach 156 Jahren wechselvoller Geschichte.

Der Totengräber sitzt im US-Bundesstaat Missouri, in der Nähe von St. Louis. Monsanto war bis zu seiner Übernahme durch Bayer ein börsennotiertes, eigenständiges Unternehmen. Ein Unternehmen mit einem zweifelhaften Ruf und einem noch schlechteren Image. Das aber hielt Werner Baumann, seit drei Jahren auf dem Chefsessel in der Bayer-Zentrale in Leverkusen, nicht davon ab, die Schmutzfinken von St. Louis zu kaufen. Für den stolzen Preis von umgerechnet 59 Milliarden Euro. Heute ist Bayer (Monsanto eingeschlossen) an der Börse nicht mal mehr 54 Milliarden Euro wert.

Premiere auf der Hauptversammlung

Das brachte vor drei Wochen die Aktionäre schon gehörig auf die Palme, und erstmals wurde dem Vorstand eines im Aktienindex Dax notierten Konzerns die Entlastung verweigert. Werner Baumann aber ist noch immer im Amt, der Aufsichtsrat glaubt noch immer an ihn. Kein Wunder, der Chef des Kontrollgremiums, Werner Wenning, war früher selbst acht Jahre Bayer-Chef, und Baumann ist sein Ziehkind.

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Blöd nur: Die schlechten Nachrichten reißen einfach nicht ab. Übers Wochenende wurde bekannt, dass Monsanto in Frankreich geheime Listen führte mit Namen, Telefonnummern, Privatadressen und sogar Hobbys von Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten. Damit wollte man Kritiker „erziehen“. Auch für Deutschland und andere Länder soll es solche Listen gegeben haben. Das alles, sagt Bayer heute, habe man nicht gewusst.

Und so wird es wohl noch weitere Überraschungen geben. Es ist, wie der Anwalt des Ehepaars Pilliod, Brent Wisner, sagt: Bayer hat mit Monsanto „100 Jahre Korruption und wissenschaftlichen Betrug“ gekauft. Zu diesem Fehler sollten sie stehen. Das kann für Bayer nur eines heißen: Man muss sich mit den Klägern möglichst schnell auf Vergleiche einigen, die der Konzern finanziell gerade noch stemmen kann. Freilich eine schwierige Aufgabe, denn die Leverkusener haben schon schwer genug an den Kosten der Übernahme zu knabbern. Aber es gibt keine andere Lösung. Sonst ist Monsanto wirklich der Totengräber eines deutschen Weltkonzerns.

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