Saturday, 28th May 2022
28 Mai 2022

Derbypleite gegen den BVB: Leidende Schalker suchen die Leichtigkeit

Weston McKennie sieht man die Enttäuschung nach dem Spiel an.

Von Arnulf Beckmann, Gelsenkirchen


Der FC Schalke 04 gleicht einer Großbaustelle: Verletzungssorgen, Defensiv-Fehler, Schwächen in der Spielanlage. Und nun noch die Niederlage gegen Dortmund. Der Trainer tut sich schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Es klang ein wenig trotzig, als die Stadionbesucher, sofern sie es mit den Schalkern hielten, bei der Verlesung der Aufstellung vor allem ihren Trainer laut und vernehmlich hochleben ließen. Ein langgezogenes "T-E-D-E-S-C-O" hallte durch die Gelsenkirchener Fußball-Arena, gerade so, als wollten sie die vorweihnachtliche Bescherung im Revierderby gegen Borussia Dortmund herbeischreien. Zwei Stunden später klang das an diesem Samstagnachmittag alles deutlich kleinlauter. Nach Toren von Thomas Delayney (7.) und Jadon Sancho (74.) und dem Ausgleich durch einen von Daniel Caligiuri verwandelten Foulelfmeter (61.) hatten die Hausherren am 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga ein Spiel verloren, das zu einem Wendepunkt in einer recht verkorksten Saison hochstilisiert worden war. Am Ende brachte es eine weitere Enttäuschung für die leidgeprüfte Schalker Seele. "Natürlich ist es schade, dass wir das Spiel heute verloren haben", sagte Domenico Tedesco. "Wir hatten mehr Ballbesitz und die bessere Passquote."

Was er verschweigt: Es war eine keine gute Partie. Die 153. Pflichtspiel-Auflage des wohl elektrisierendsten Derbys im deutschen Fußball hatte viel versprochen – und wenig gehalten. Das lag an einer kämpferisch tadellosen, spielerisch aber dürftigen Darbietung des BVB, der in dieser Spielzeit oft mit Hochglanzfußball begeistert hatte. Vor allem aber die Schalker trugen zu dieser niveauarmen Aufführung vor 61.767 Zuschauern im ausverkauften Stadion bei. Offensiv ging gegen den Tabellenführer wenig bis nichts. "Was schlichtweg bei uns fehlt, ist die Durchschlagskraft", sagte Tedesco. "Wir finden den Spieler in der Box nicht."

Festhalten am Trainer

Insofern verwundert die Treue des Schalker Anhangs zum Trainer. Das gemeinhin nervöse Umfeld des Revierklubs hat die sportlich Verantwortlichen schon wegen deutlich geringerer Fehlleistungen in die Wüste geschickt. Eine der größten war, neben dem Fehlstart mit fünf Niederlagen zu Beginn der Saison, das 1:2 gegen den ewigen Kontrahenten. Schlimmer noch: Beide Klubs trennen in der Tabelle nun 22 Punkte. Während Schwarz-Gelb der neunten Meisterschaft entgegensteuert, dümpelt Blau-Weiß der Abstiegszone entgegen. Dennoch erfährt der 33 Jahre alte Trainer Rückendeckung von allen Seiten. Jüngst äußerte sich Klubchef Clemens Tönnies zu seinem Angestellten, nachdem der Unternehmer aus Rheda-Wiedenbrück viele Monate mediale Enthaltsamkeit gelebt hatte. Es gebe, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende, "nicht den Ansatz eines Zweifels, dass er uns aus dem Tal führen wird".

Denn da sind sie mittlerweile: im Tal. Mit 14 Punkten aus 14 Saisonspielen fällt der Ertrag dieser Spielzeit äußerst dürftig aus. Mindestens ebenso frustrierend wie das Zahlenwerk sind die wenig mitreißenden Auftritte. Das Spiel der Schalker wirkt oft statisch, geradezu als ob es im Packeis der Taktik erstarrt. Zudem unterlaufen der Defensive, in der vergangenen Saison noch das Glanzstück des Vizemeisters, immer wieder haarsträubende Fehler. So auch wieder im Spiel gegen Dortmund, wo es nur schwer nachvollziehbar war, wieso Delaney nach einem Freistoß aus dem Halbfeld so frei zum Kopfball und damit zum Tor kommen konnte. Und beim 1:2 durch Sancho macht Sebastian Rudy eine sehr unglückliche Figur. Noch am Tag vor dem Spiel hatte Tedesco den Zugang vom FC Bayern gelobt, beim Zuspiel von Raphael Guerreiro auf den Torschützen hätte der defensive Mittelfeldspieler den Laufweg Sanchos erahnen müssen.

Ohne Glück, ohne Stürmer

Zur Einordnung des Ergebnisses gehört aber auch, dass den Gelsenkirchenern das Glück der vergangenen Saison abhanden gekommen und vom einstigen Überangebot im Sturm so gut wie nichts mehr übriggeblieben ist. Mark Uth, Breel Embolo, Steven Skrzybski und nun auch Guido Burgstaller befinden sich im Krankenstand, Cedric Teuchert und Yevhen Konoplyanka wurden vom Trainer zunächst nicht für gut befunden, den Österreicher, der nach 35 Minuten verletzt ausschied, zu ersetzen. Franco di Santo schaffte es trotz der Verletztenmisere nicht einmal in den Kader. Zur Verwunderung vieler stürmten mit Hamza Mendyl ein gelernter Außenverteidiger und mit Weston McKennie ein Mittelfeldspieler. Das Ergebnis ist bekannt.

Auffallend auch, dass die nach außen noch immer so harmonisch wirkende Schalker Welt offensichtlich erste Risse bekommen hat. Nabil Bentaleb, neben Rudy der zweite Spieler, dem Tedesco eine bislang starke Saison attestierte, verweigerte bei seiner Auswechslung in der 55. Minute den Handschlag, der Trainer spielte das hernach herunter. "Es ist doch logisch, dass er nicht zufrieden war, als ich ihn im Derby ausgewechselt habe", sagte er. "Ich habe ihm dafür durch das Gesicht gestreichelt."

Auch Naldo war zu guter Letzt noch einmal Thema. Der Brasilianer, der dem BVB noch vor gut einem Jahr mit seinem Tor zum 4:4 eine Nahtoderfahrung bescherte, sah das Derby nur von der Bank aus. Das gesamte Stadion hätte ihn gern bei den letzten Standards gesehen, eine Option für Tedesco war er nicht. Dem Trainer fehlt derzeit offensichtlich auch das Gespür für die Situation. "Wir sind intakt, wir sind gut drauf, wir haben Bock", hatte er noch vor dem Derby verkündet. Nach dem Spiel klang das dann so: "Wir müssen weiter Gas geben."

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