Tuesday, 18th December 2018
18 Dezember 2018

Pharmaskandal: Der lange Kampf der Duogynon-Opfer um Gerechtigkeit

Noch immer kämpfen die Geschädigten des Duogynon-Skandals in Deutschland um Gerechtigkeit. Die Behörden scheint dies kaum zu kümmern.

Else Meixner wurde 1971 Mutter eines Sohnes mit schweren Missbildungen. In der Frühschwangerschaft hatte sie das Pharmamittel Duogynon eingenommen.

Zwei Dragees. Klein, rund. Else Meixner schluckt sie mit etwas Wasser. Die junge Mutter will mit dem Hormonpräparat prüfen, ob sie ein zweites Kind erwartet, ein damals als modern geltendes Testverfahren. Sie freut sich: Sie ist tatsächlich schwanger. Im Februar 1971 bringt sie einen Sohn zur Welt. Doch sie merkt sofort, dass mit ihm etwas nicht stimmt. „Sein Gesicht war so blau.“ Für Meixner beginnt eine unendliche Leidensgeschichte. „Ums Leben betrogen“, sagt sie, sei ihr Sohn. Der Junge hat mehrere Herzmissbildungen. Viele Operationen folgen. Oft steht sein Leben auf Messers Schneide – bis heute.

Was hat ihr Kind krank gemacht?

1978 berichtet der stern von Missbildungen bei Kindern, deren Mütter das Medikament eingenommen hatten. Doch erst 1981 verschwand das Präparat vom deutschen Markt.

Es ist ein langer und schmerzhafter Weg zur Wahrheit, Else Meixner geht ihn nicht allein. Mehrere Hundert Fälle wurden in den Folgejahren bekannt, in Deutschland wie in Großbritannien. Auch der stern berichtete 1978 unter dem Titel „Tausend Kinder klagen an“ über Duogynon und die Schädigungen. Im Jahr 2010 machte das Opfer André Sommer seinen Fall im stern öffentlich und beschuldigte den Pharmariesen Schering, der das Präparat vertrieben hatte. Doch der Kampf schien aussichtslos. Erhalten er und die anderen Opfer 2018 eine umfassende Aufklärung?

Einer der größten Pharmaskandale Deutschlands

Einiges deutet darauf hin, dass ihrem Schicksal einer der größten Pharmaskandale in Deutschland zugrunde liegt. Seit den 50er Jahren galt Duogynon als Innovation. Ärzte verschrieben das Kombipräparat auf Basis der weiblichen Hormone Gestagen und Östrogen Patientinnen, deren Zyklus unregelmäßig war oder deren Menstruation ganz ausblieb. Auch als Schwangerschaftstest wurde es eingesetzt.

Früh gab es Hinweise, dass Duogynon schwere Missbildungen bei Kindern auslösen könnte, dass die mütterliche Einnahme zu Fehlbildungen der Blase, Schädigungen des zentralen Nervensystems, Herzfehlern führt: 1967 berichtete die britische Kinderärztin Isabel Gal im Fachmagazin „Nature“ erstmals darüber. Der Duogynon-Hersteller Schering führte selbst 1969 Tierversuche durch. Bei einigen Dosierungen gab es Missbildungen, Föten starben ab. Doch die Auffälligkeiten wurden ignoriert: Die Versuchsgruppe sei zu klein gewesen. Interne Dokumente belegen, dass Manager und Anwälte von Schering versuchten, die belastenden Daten nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.

In vielen Ländern wurden Kinder durch die Pille geschädigt. Schering versuchte noch 1978, die Berichterstattung im stern zu behindern und die Auslieferung des Heftes in Großbritannien zu stoppen.

1981 wurde das Medikament vom deutschen Markt genommen. Vergeblich klagten in den 80er Jahren Betroffene auf Schadenersatz. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon und einer Missbildung sei nicht belegt, hieß es seitens des Herstellers und heißt es noch heute beim Chemiekonzern Bayer, der Schering 2006 übernommen hatte. Die Ansprüche seien zudem verjährt.

Auf Wahrheitssuche

Vor fünf Jahren entdeckten der Geschädigte André Sommer, 42, Gründer einer deutschen Interessengruppe, und sein Anwalt im Berliner Landesarchiv 7000 Seiten Akten eines 1980 eingestellten Strafverfahrens gegen Schering. Darunter auch Unterlagen des Pharmaherstellers, welche die damaligen Opferanwälte nicht einsehen konnten.

In Großbritannien nimmt Ende November eine weitere Kommission ihre Arbeit auf – die deutschen Behörden hingegen zeigen bislang kaum Interesse an Aufklärung. Und das, obwohl aus den Dokumenten des Landesarchivs hervorgeht, dass Schering in seinem Handeln offenbar Hilfe von staatlicher Seite bekam: Ein Professor des damaligen Bundesgesundheitsamts versorgte Schering-Mitarbeiter mit Informationen zu internen Einschätzungen des Amtes. Er bezeichnet sich als „Advokat der Firma Schering“.

In ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen (Drucksache 19/5065), die dem stern vorliegt, geht die Bundesregierung auf diese Punkte nicht ein. Gefragt, wie man die damalige „mangelnde Neutralität der zuständigen BGA-Beamten“ bewerte, schreibt die Regierung, man gehe davon aus, man sei „in seiner Gesamtheit seiner Verantwortung“ nachgekommen. Auf die Frage, wie viel Zeit das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte für die Sichtung der wiederentdeckten 7000 Seiten Prozessdokumente investiert habe, heißt es: Eine Mitarbeiterin habe drei Tage im Landesarchiv recherchiert.

Keine Gesprächsbereitschaft

„Man muss sich schon anstrengen, die Augen zu verschließen“, sagt die Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink von den Grünen. Die Briten hätten ein Expertengremium einberufen und Hunderte Seiten Akten aus dem Landesarchiv übersetzen lassen. Die Bundesregierung sehe „keine Veranlassung, weitere, aufwendige Untersuchungen alter Aktenbestände durchzuführen“. Dabei wies soeben eine Studie des Experten Carl Heneghan aus Oxford nach, dass ein erhöhtes Risiko für Missbildungen bestanden habe, wenn Duogynon als Schwangerschaftstest verabreicht wurde. Heneghan wertete Berichte von 71.330 Frauen aus jenen Jahrzehnten aus. Bisher ist die Bundesregierung noch nicht mal bereit, Gespräche mit den Geschädigten zu führen.

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